| Boston - Corporate America |
Es hat wieder acht Jahre gedauert, aber: Boston sind wieder da! Doch: Gibt es überhaupt
noch jemanden, der Tom Scholz & seine Combo hören will? Schon 1994, zu Zeiten des
letzten Boston-Studioalbums "Walk On" [US: # 7, D: # 40 / die 97er "Greatest Hits" mit
zwei neuen Songs mal ausgeklammert], diktierten eher Bands wie Offspring, Green Day,
Soundgarden oder Nine Inch Nails die US-Charts. Truppen, die mit bombastischen
Melodicrock soviel zu tun haben, wie Bayern München mit dem Ausgang der 2003er
Champions-League. Heute steht die US-Rock-Bevölkerung auf Creed, Nickelback, Staind,
Limp Bizkit oder Linkin Park; an der obigen Sachlage hat sich also nur bedingt etwas
geändert. Berücksichtigt man nun die Boston-Freunde, die in den vergangenen acht
Jahren aus den verschiedensten Gründen 'abgesprungen' sind, und die weiter gesunkene
Werbewirksamkeit der Melodicrock-Produkte, leuchtet die # 42 [D: Fehlanzeige], auf
welche "Corporate America" in den Billboard-Charts vom 23.11. gekommen ist, durchaus
ein. Es gibt also noch Leute, die Interesse an Boston haben, nur: es sind nicht mehr
allzuviele.
Dabei wird man von der neuen Boston-Platte für jede einzelne verdammte Minute der
langen Wartezeit voll entschädigt. Die 2002er Besetzung, die Tom Scholz [alle
Instrumente] um sich geschart hat, besteht diesmal aus Brad Delp [Gesang, nach der
94er Abstinenz und dem 97er "Higher Power"-Gastspiel wieder voll an Bord], Fran Cosmo
[Gesang], Kimberley Dahme [Gesang, Gitarre] und Anthony Cosmo [Gitarre, Gesang].
Man kann den Longplayer in zwei große Kategorien einteilen: Classic-Boston-Songs [5
von 10 Tracks] mit der gewohnten Dominanz der bombastisch-harmonischen Scholz-Gitarre und modernere Titel mit schwankendem Anteil an Boston-Trademarks [4 Tracks].
Die Tracklist wird komplettiert von einer Liveversion des "Walk On"-Titels "Livin' For
You", über deren Sinnigkeit man wohl streiten kann, allerdings beweist sie auf
eindrucksvolle Weise, wie authentisch sich der Bombast-Sound auf die Bühne
transportieren läßt!
Wenden wir uns der Classic- bzw. Modern-Kategorie zu. Die erste Single-Auskopplung "I
Had A Good Time" [Gesang: Brad Delp], welche ein Musterbeispiel für fett produzierten
Melodic-Rock darstellt, "Corporate America" [Ges: Fran Cosmo, Brad Delp, Kimberley
Dahme], ein flott-rockendes Stück mit genialem Refrain, "Someone" [BD, großartige
Gesangsperformance, starker Refrain], "Didn't Mean To Fall In Love" [BD, Bombast-Ballade] und "You Gave Up On Love" [mehrstimmiger Gesang unter KD-Führung,
traumhafte Bombastballade mit genialer Refrain-Passage] besitzen das wohlbekannte
Soundgewand. Wer nach dem Scholz'chen Gitarrenklang süchtig ist, erhält hier seine
wohlverdiente Dosis und eine höchst attraktive Songstruktur oben drauf. Die restlichen
vier Titel liefern allerdings Diskussionsstoff satt. Ganz besonders schwertun werden sich
Boston-Fans mit der Akustik-Ballade "With You". Neuzugang Kimberley Dahme, eine
wohlgeformte, hübsche Blondine, hat das Stück geschrieben und verbreitet hier mit ihrer
sensationell klaren Stimme ein ganz besonderes Gänsehaut-Feeling. Im Schlußdrittel fügt
dann Tom Scholz einen Hauch von Boston hinzu. Eiserne Boston-Fans werden hier sagen:
Schickt die Braut nach Hause ;-)! Meine Meinung: Geiler Song mit Super-Stimme und
Scholz-Mindestsatz!
Die drei von Fran Cosmo's Sohn Anthony geschriebenen Tracks bewegen sich zwischen
energiegeladenem Powerrock ["Turn It Off"] und locker-flockigem Gitarren-Rock/Pop
["Stare Out Your Window", "Cryin'"]. Ganz besonders angetan hat es mir "Turn It Off".
Durch druckvollen, flotten Rhythmus, der von einer modern, ja fast alternativ klingenden
Scholz-Gitarre getragen wird, sowie der bestechenden Vokal-Leistung eines Fran Cosmo
erschließen sich Melodie-Bögen, welche man einer Band wie Boston niemals zugetraut
hätte - gigantisch! "Stare Out The Windows" [schöner Refrain, gute Backgrounds,
einziger Song ohne Scholz-Gitarre] und "Cryin'" [mit Scholz-Solo] sind zwei sehr
harmonische Tracks [Gesang: jew. FC], welche zusammen mit "With You" einen
angenehm 'leichten', zeitgemäßen Gegenpol zum sonst so opulenten Boston-Sound
darstellen.
Allen Unkenrufen zum Trotz: Boston zeigen sich auf "Corporate America" so
abwechslungsreich wie noch nie, und das macht die Platte erst recht zu einem
Meisterwerk, von dem man nicht genug kriegen kann!
(19.11.2002)