| Toto - Through The Looking Glass |
Lange Zeit hielten sich David Paich, Steve Lukather, Bobby Kimball, Simon Phillips und
Mike Porcaro bedeckt, ließen keinerlei Infos aus dem Sack bezüglich des Jubiläumsalbum
zum 25., "Through The Looking Glass". Lediglich überschwängliche Kommentare wie
'Killer-Album' oder 'diesmal wird es etwas ganz Besonderes' waren den Musikern zu
entlocken. Bis Anfang dieses Jahres die 'Bombe' platzte: "Through The Looking Glass"
sollte ein reiner Cover-Longplayer werden.
Für viele Fans war dieser Moment der Erkenntnis eine Riesenenttäuschung, hoffte man
doch, endlich einen würdigen Nachfolger fürs letzte Toto-Meisterwerk "The Seventh One"
[1988] in den CD-Spieler schieben zu dürfen. Schließlich muß man konstatieren, daß
trotz der langen Suche nach einem neuen Label gegen Ende 2001 bis Mitte 2002 [Toto
kündigten den Sony-Vertrag und entschieden sich letztlich für EMI als neuem Partner],
vorher bereits genügend Zeit vorhanden gewesen wäre, um neues Toto-Material zu
Papier zu bringen. Hier mögen auch die vielen Live-Auftritte in den Jahren 1999 und
2000 sowie Side-Projekte der Toto-Mitglieder als Entschuldigung nicht ausreichen.
Da man sich nun aber entschieden hatte, zum 25. Jubiläum auf große Welttournee zu
gehen, aber bis zum Herbst 2001 noch keine neuen Songs im Kasten waren, blieb der
Band keine andere Wahl, um die Forderungen der Konzertveranstalter ['keine Tour ohne
neues Album!'] zu erfüllen: es mußten Coverversionen herhalten. Nach Aussagen der
Gruppenmitglieder wurden nun solche Songs ausgewählt, welche sie in irgendeiner Weise
inspiriert haben. "Through The Looking Glass" darf also in diesem Zusammenhang
wörtlich genommen werden: Das Album gibt als Spiegelbild die Toto-Interpretationen der
ausgewählten Songs wider. Und dieses Spiegelbild 'hört' sich dank der handwerklichen
Perfektion, die jeder einzelne der Musiker imstande ist zu leisten, ganz und gar nicht so
schlecht an, wie man es zunächst befürchtet hatte.
Die 11 Stücke auf "Through The Looking Glass" sind eine wahrlich heterogene
Ansammlung von Songs aus den 60ern, 70ern und 80ern, die mit dem Toto-Basis-Genre,
dem Melodic-Rock, auf den ersten Blick recht wenig gemein haben. Dennoch ist es
Lukather, Kimball & Co. gelungen, allen Titeln einen eigenen Stempel aufzudrücken.
Natürlich geht der Transfer nicht immer so deutlich vonstatten wie beim vorzüglichen
"Burn Down The Mission" [Elton John], das als schöne Ballade sehr melodisch
daherkommt und durch Kimballs überzeugenden Gesang sowie feinen Background-Passagen ebenso zum Highlight avanciert wie das auf Bombastballade getrimmte "While
My Guitar Gently Weeps" [Beatles]. In letzterem Titel bringt Lukather sowohl an der
Gitarre als auch gesanglich eine phänomenale Leistung.
Es ist intuitiv einleuchtend, daß es etwa bei den Bluessongs "I Can't Get Next To You" [Al
Green] und "It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Lot To Cry" [Bob Dylan] schwerer fällt,
diese in ein Toto-Kostüm zu stecken, wie bei obengenannten Titeln: Ein Blues bleibt
immer ein Blues und wird nicht zum Melodic-Rocker. Insbesondere der Dylan-Titel gerät
auf diese Weise zu schwerverdaulicher Kost. Ähnlich muß man argumentieren, wenn es
darum geht, das Reggae-Pop-Stück "Watching The Detectives" von Elvis Costello
einzuordnen: So sehr sich Lukather auch anstrengt, für diesen Track kann ich mich nur
sehr bedingt erwärmen. Dagegen ist die Toto-Version von "Could You Be Loved" [Bob
Marley; einer meiner 'Haßmusiker'] an sich ganz nett gemacht [Refrain, Backgrounds,
aber: Rap-Parts!], kämpft allerdings mit einem grundlegenden Problem, das Toto-Fans
mit ihr haben werden: Der Song ist ein Reggae-Klassiker. Marley-Song und die Green-Adaption sind trotz der aufgeführten Schwächen als 'passabel' einzustufen.
Gutes Niveau bieten wiederum die Songs "Bodhisattva" [Steely Dan, Prog-Jazz-Rock-Opus mit starker Instrumentierung], "Living For The City" [Stevie Wonder, überraschend
straight-rockig, große Gesangsleistung von Bobby K.], "Maiden Voyage/Butterfly" [Herbie
Hancock, jazziges Instrumental á la "Dave's Gone Skiing"], "Sunshine Of Your Love"
[Cream, großartige Vocals und Gitarre von Steve L., druckvoller Song mit progressiven
Keys] und "House Of The Rising Sun" [Animals, Melodicrock-Sound, leidenschaftlicher
Gesang von Bobby K.]. Gerade am zuletzt erwähnten, nicht eben zu meinen Favoriten
zählenden Titel kann man demonstrieren, warum das umstrittene "Through The Looking
Glass" insgesamt zu den lohnenden Experimenten der Musikwelt gerechnet werden darf:
Individuelle Glanzleistungen dieser fünf Ausnahmemusiker machen diesen und die
meisten anderen Tracks zu einem veritablen Erlebnis!
(21.10.2002)